Kryžių kalnas (Berg der Kreuze)
Auf einem Hügel irgendwo in Litauen stehen tausende von Kreuzen in der Landschaft. Offiziell gilt der Hügel heute als katholischer Wallfahrtsort, und seit einem Besuch des Papstes sogar als heilig. Doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt auch ein anderes Bild - ein Symbol für Widerstand gegen Totalitarismus!

Der Berg der Kreuze befindet sich mitten in einer unscheinbaren Gegend auf einem Feld. Aus der Ferne sieht man nur ein undefinierbares Gewusel - doch je näher man kommt, umso überwältigender ist der Anblick.

Auf engstem Raum drängeln sich tausende und abertausende christliche Kreuze, von wenigen Millimetern bis mehreren Metern Höhe, aus Holz, Metall, Stein oder Plastik, teils aufwendig verziert, teils improvisiert. Nebenan steht eine katholische Kapelle und es gibt Souvenirläden. Ein Pilgerort dem Anschein nach...
Berg des Trotzes
Die eigentliche Bedeutung des Ortes erschließt sich jedoch erst bei genauerer Betrachtung seiner Geschichte, insbesondere der sowjetischen Herrschaft über Litauen. Religion passte nicht ins ideologische Weltbild des Regimes, nicht nur weil sie als rückständig galt, sondern weil sie Loyalitäten schuf, die sich staatlicher Kontrolle entzogen.
Als Menschen aus der Umgebung den Berg nutzten, um der Opfer des Stalin-Regimes zu gedenken, fiel die Reaktion der Behörden so hilflos wie dogmatisch aus: die Kreuze wurden komplett entfernt und zerstört. Das Problem daran war nur, dass diese Lösung erstaunlich schlecht funktionierte. Kaum war der Ort 'bereinigt', tauchten neue Kreuze auf, oft nachts, oft heimlich, und in noch größerer Anzahl als zuvor.

Der peinliche 'Kreuzzug' der sowjetischen Besatzungsmacht gegen den Gedenkort wiederholte sich noch einige Male. Kreuze wurden entfernt und in noch größerer Anzahl wieder aufgestellt. Der Berg der Kreuze wurde so von einem bloßen religiösen Pilgerort zu einem nationalen Symbol trotzigem Widerstands gegen das totalitäre Regime!
Dogma gegen Dogma
Mich persönlich amüsiert die Ironie, dass ausgerechnet christliche Kreuze als Symbol für Widerstand gegen Dogmatismus herhalten mussten, während die katholische Kirche selbst zu anderen Zeiten und an anderen Orten dogmatisch das Weltgeschehen dominiert hat. Dass das Kreuz ursprünglich Folterwerkzeug und Hinrichtungsmethode gewesen ist, macht die ganze Sache noch verwirrender...

Ungeachtet all der Widersprüche ist der Berg der Kreuze ein eindrucksvolles Monument, geschaffen in Zusammenarbeit tausender Menschen, die sich nie begegnet sind. Der Berg wächst noch immer.

